Freitag, 30. September 2011

#4 Wie ein Gewitter reichte um das Internet lahmzulegen

Freitag lernte ich endlich Léa, die älteste Petges-Tochter, kennen. Um sie äußerlich zu beschreiben, reicht ein Wort: Topmodel. Dessen ist sie sich zwar durchaus bewusst, dennoch fand ich sie sehr sympatisch. Sie redet unheimlich schnell und ist total hektisch. Um die Wiedervereinigung der Familie zu feiern, gab es ein typisch französisches, daher endlos dauerndes Abendessen auf der Terrasse, mit Hund, Katze und Kindern. Die ganze Familie eben. Ich lauschte konzentriert und interessiert den hitzigen Debatten über – kein Scherz – den Sinn des Lebens, die Endlosigkeit des Universums, die Lichtgeschwindigkeit und die Nichtigkeit menschlichen Daseins im Allgemeinen. Leider verstand ich von all dem nur circa ein Fünftel, da plötzlich alle um drei Vielfache an Sprechtempo zugelegt hatten. Außerdem wurde ich stark von der kleinen Kampfkatze unter dem Tisch abgelenkt, die immer wieder versuchte, in meine Zehen zu beißen. Francois und ich ließen mit den Kleinen den Tag mit Mary Poppins ausklingen.

Nachts gab es ein starkes Gewitter, mit Platzregen, Blitz, Donner, das ganze Programm. Selbiges bietet auch die Erklärung für meine Schreibpause: Sowohl Telefon als auch Internet fielen dem orage zum Opfer. So blieb ich das gesamte Wochenende Skype-/Facebook-/ und (quel horreur!!!) Gossip-Girl-los. Langweilig wurde mir dennoch nicht.


Samstag Vormittag regneten sich noch die Spätfolgen des nächtlichen Gewitters ab, was mich mit den kleinen Quälgeistern ins rosafarbene Spielzimmer verschlug. 2 Stunden lang wurde ich gezwungen, eine kleine dünne Polly-Pocket-ähnliche Gummipuppe mit Riesenkopf und gelbem Plastik-Kleidchen mit Leben zu füllen. Wenn die Mädels gerade mit sich selbst beschäftigt waren und meine Puppe mal wieder „einkaufen“ bzw „schlafen“ musste, nutzte ich die Zeit, um mein Reitervokabular aufzubessern. La chambrière – die Peitsche. La sellerie – die Sattelkammer. Le filet – die Trense. La clôture – der Zaun. Ja, wie Klo – Tür. B. hatte mir hierfür extra ein kleines Vokabelheft inklusive Reiten-Lernen-Buch mit – juhu! - allerhand mir unbekannten Wörtern gegeben, nicht dass bei mir Langeweile aufkommt!

Des Nachmittags hatten sich die Wolken verzogen und die plötzliche Hitze drängte uns dazu, ins kühle Nass zu hüpfen. Abends waren die Eltern sowie die beiden großen Mädels bei den Eltern von Geneviève, einer Freundin von Léa, zum Essen eingeladen. Maud, Flore und ich mussten mit Olà das Haus hüten. Das war aber gar nicht schlimm, denn so konnten wir uns (ohne Olà) gemütlich aufs Gästebett kuscheln und uns einen Film über einen - immerhin - Hund ansehen.

Francois hat eine Methode entdeckt, die die sangliers, die Wildschweine, effektiv fernhält: das Radio, das am Waldrand steht und die ganze Nacht durchweg angeschaltet bleibt. Leider hielt diese Maßnahme nicht nur die Säue vom Wühlen sondern auch mich lange vom Einschlafen ab.


Sonntag schlief ich bis 11 Uhr. Wachte – natürlich – von Flores Geschrei auf. Fand nach dem Aufstehen allerdings niemanden im Haus vor. Setzte mich mit tartines und meinem grand bol de café au lait neben meinen Hund auf die Terrasse und las „Das Intimleben des Adrian Mole“, bis – aha! - die Kinder mit F. vom Pilzesammeln aus dem Wald und – ach so! - B. mit Léa und Eugénie vom Reiten zurückkamen. Schnappte mir daraufhin kurzerhand „mein“ Pony Folie von der Koppel – Trense drauf, kurz rübergebürstet und hopp! - und ritt neben Eugénie auf Boléro eine halbe Stunde Sattel- und Gebiss-los ( nicht ich, das Pony!) durch den Pinienwald. Blöderweise war mir beim Holen von Folie das Shetlandpony abhanden gekommen. Ich vermutete, er würde uns folgen, oder zumindest auf der saftigen Wiese vorm Haus herumstehen und futtern, doch nachdem ich fertig geritten hatte, fand ich ihn in der Sattelkammer. Jemand hatte die Tür offen gelassen und Dragon war schwer beschäftigt, den Futtersack aufzureißen und sich den Bauch mit Futtergranulat vollzuschlagen. Da Sonntag mein freier Tag ist, nahmen die Eltern Flore und Maud mit zu einer Blumenausstellung mit Picknick im Grünen, während Léa, Eugénie und ich selbiges im eigenen Garten abhielten. Anschließend las ich und schwamm von Zeit zu Zeit mal eine kleine Runde im Pool. Herrlich, so ein Wochenende in Frankreich!


Montag war mein Gehirn kaputt. Es fing schon beim Aufwachen an. Mein Wecker weckte mich pflichtbewusst um 7:30 doch ich dachte sonstwas und blieb bis 7:44 im Bett. Da ich die Kids eine Minute später wecken sollte, blieb mir nichts als in heller Panik im Jogginganzug und ohne BH orientierungslos ins Kinderzimmer zu taumeln und ein schläfriges „Guten Morgen, Mädls – äääh bonjour les filles!“ hervorzustottern. Am liebsten hätte ich mich an Flores Stelle in ihr kleines lit gelegt. Verständlicherweise fiel es mir daher nicht leicht, die ebenfalls schlaftrunkene Maud zum Aufstehen zu überreden. Ohne B.s Hilfe hätte man uns alle drei vermutlich gen Mittag friedlich schnarchend auf dem Flauschteppich vorgefunden, doch gnadenlos fing sie an, Flore zu bürsten, Maud anzuziehen und mich zu Konversation zu zwingen. Vergaß dann beim Frühstück, dass Maud eigentlich Toast isst und Flore Müsli bevorzugt, vergaß die Servietten und das Lätzchen für die Kleine, suchte die Milch (die vor meiner Nase stand) und wäre beinahe vom Stuhl gerutscht. Meine Erste-Hilfe-Maßnahme, nachdem die Mädls mit B. verschwunden waren: Kaffee. Starker, zuckersüßer Kaffee. Doch es blieb hoffnungslos. Bemerkte nicht, dass die Temperatur mit der verstreichenden Zeit rapide zunahm, organisierte meinen Vormittag geradezu katastrophal, sodass ich von B. erstaunt gefragt wurde, ob ich denn gar nicht vorhätte, zu reiten. Doch, doch, si, si, erwiderte ich, ich wollte mich gerade umziehen. Na, das geht jetzt aber ohnehin nicht mehr, sagte B., es ist ja schon fast halb 12 und wir haben bereits 25 Grad, das arme Tier. Und überhaupt, aufräumen kannst du doch nachmittags auch noch. Dann schick die Großen mal auf die andere prairie. Das tat ich natürlich und wo ich schon mal draußen war, mistete ich auch gleich noch die Boxen aus und fegte den Putzplatz streu- und staubfrei. Anschließend räumte ich die Zimmer der Kinder und ausnahmsweise auch mal meines auf, saugte die erste Etage durch und fing an, das Mittagessen für F., B. und mich herzurichten. Der Tag verlief dann so normal wie jeder Schultag.


Dienstag bin ich zum ersten Mal auf Boléro geritten. Kawa macht gerade Pause, da er angefangen hat zu lahmen. Die Kleine hat eine Blase am Fuß, nachmittags kam Lilou, eine Freundin von Flore, zum Plantschen vorbei und die Hühner beginnen, mir hinterher zu laufen. Granit beißt mir neuerdings ständig in die Zehen und Olà schmeißt sich schon auf den Rücken, wenn sie mich nur von weitem kommen sieht. . Abends kamen die Eltern von Francois, sein Cousin und seine Tante zum diner vorbei. Da wir alle zu lange im Pool geblieben waren, hatte B. jetzt fürchterlichen Stress, alles schnell vorzubereiten. Ich bekam keine klaren Anweisungen, sodass ich versuchte, trotzdem alles irgendwie auf einmal hinzubekommen. Kindern zu essen geben, währenddessen schnell Pferde füttern, draußen Tisch decken, Brot schneiden, meine Haare föhnen, Kinder mit Video ins Nebenzimmer verfrachten, Aperitiv servieren, Streit um ein Kissen schlichten, schnell schminken, Hund füttern und dazwischen immer wieder Bonsoir, ca va? Oui, ca va. Oui, c'est bien! Merci! Küsschen rechts, Küsschen links. Was für ein Chaos! Dementsprechend tief habe ich geschlafen.


Mittwoch war mal wieder sehr anstrengend, nicht nur weil die Kinder den ganzen Tag da waren und unterhalten werden wollten sondern vor allem wegen der Hitze. 28 Grad sind nicht ideal um Ställe auszumisten und den Hof zu fegen.


Donnerstag fühlte ich mich mittags etwas verarscht. Niemand hatte mir gesagt, dass F. und B. an diesem Tag Gymnastikstunde am Pool hatten und dass diese erst um halb 2 beendet sein würde. Normalerweise soll das Mittagessen um viertel vor 1 fertig sein, damit F. um viertel vor 2 wieder arbeiten kann. Ich saß also von viertel vor 1 bis halb 2 blöd und nutzlos herum, da ich bereits alles erledigt hatte, mich aber nicht traute, mich anderweitig zu beschäftigen und auch nicht, zu fragen wann die Herrschaften mit dem Geturne fertig seien. Als wäre das noch nicht genug gewesen, beschloss F. nach der Gymnastik noch ein wenig ( 15 min) zu schwimmen. Ich saß also eine Stunde lang nichtstuend und wartend herum, in völliger Unwissenheit. Nachmittags entschied B., ich solle mit ihr gemeinsam nach Castets fahren um die Mädchen von der Schule abzuholen. Natürlich sollte ich fahren. Es lief auch ziemlich gut. Später mussten wir Maud nach Linxe bringen, zur Bibelstunde. Wir kamen eine halbe Stunde zu spät, da man B. den Termin falsch gesagt hatte. In der noch verbleibenden halben Stunde übten wir Autofahren. B. war zwar nicht mehr so fordernd wie beim ersten Mal, doch wirklich vertraut hat sie mir auch nicht. Ich kann nicht sicher fahren, wenn mir mein Beifahrer nicht vertraut und ständig genervte Geräusche von sich gibt, wenn ich die Kupplung zu schnell kommen lasse. Beim Abbiegen auf den Parkplatz würgte ich dann das Auto ab. Da ich bei dieser Kupplung den Schleifpunkt sehr schwer finde, wir an einem Berg standen und sich mein Schuh hinter der Kupplung irgendwie verheddert hatte, brachte ich es fertig, ganze 5 mal das Auto abzuwürgen, bis wir irgendwann so gefährlich auf der Straße standen und B. nur noch am Schreien und ich nur noch am Zittern war, dass B. auf die Fahrerseite wechselte und das Auto parkte. Solche Angst wie in diesem Moment hatte ich selten. Ich war zu keiner Äußerung imstande, saß nur stumm da und weinte. Glücklicherweise zwang mich B. dann, das Auto selbst nach Hause zu fahren, sonst hätte ich davon wohl einen bleibenden schlechten Eindruck behalten.


1 Kommentar:

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