Um es kurz zu machen: Und so kam es dann auch.
Die Woche auf La Gaffelière, dem Château des Großvaters und seiner unzähligen Urahnen, hatte ich mir schlimm vorgestellt. Von Marie-Claire wusste ich, dass der gnädige Herr wohl sehr streng und meist griesgrämig war, außerdem keinen Kinderlärm ertrüge und auch sonst sehr auf die gute Etikette achtete. Mir schwante also eine Woche voller Ermahnungen. Zu meiner großen Überraschung war dem Ganzen dann allerdings absolut nicht so. "Padi", der Großvater mütterlicherseits, war zwar nicht sehr oft zugegen, doch dann stets freundlich, großzügig und durchaus verzeihend. Das Anwesen ist riesig, das Innere des Schlosses erinnert an ein Museum ( es gibt sogar eine echte Ritterrüstung sowie geschätzte 200 tote Rehe) und im Garten wachsen die Weinreben, die einen der besten Rotweine Frankreichs ergeben. Die Mahlzeiten wurden entweder in der Outdoor-Küche am Schwimmbecken oder in der mittelalterlichen Gewölbekeller-Küche eingenommen, unter der sich die Schatzkammer, soll heißen der Weinkeller, befindet. Eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt liegt der Reitstall zu Blanzac, einer der 5 renommiertesten Reitställe Frankreichs und Geburtstätte des Sportes Horseball, wo Boléro und Manne und eigentlich auch alle weiblichen Familienmitglieder die Woche verbrachten.
Dienstag waren wir auf die Geburtstagsfeier des mittleren Bruders von B., Alexandre, eingeladen. Für mich war dies eine gute Gelegenheit, die "Bise", das Küsschen-Geben zur Begrüßung, zu perfektionieren. Für jemanden, der dies nicht von klein auf gewöhnt ist, stellt die Bise immer wieder eine gewisse Herausforderung dar. Wem, wann, wie viele, von welcher Seite? Und drückt man die Lippen auf die Wange oder knutscht man an ihr vorbei in die Luft? Das macht hier jeder ein bisschen anders. Jedenfalls hat man am Ende der Begrüßungszeremonie kein Make-Up mehr auf den Wangen, dafür jedoch einige verschiedene Lippenstift-Nuancen und man kann die Gäste blind unterscheiden: anhand des Parfums sowie des Mundgeruchs.
Um den Erwachsenen nicht im Weg zu sein, wurden die kleinen Kinder in das eine und die großen Kinder in das andere Fernsehzimmer entsandt. Ich weiß nicht genau, was Flore, Maud und die anderen U-12-jährigen angesehen haben, aber im Ü-14-Fernsehzimmer lief eine sehr interessante Sendung über die ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben der Franzosen ( Latex-Hasenkostüm muss hier als Stichwort genannt werden). Leider waren die Eltern nicht sehr mit unserer Voyeurismus-Bedürfnis-Befriedigung einverstanden und so wurden wir gezwungen, nachts um halb 1 eine Politiksendung zu sehen, was zu tiefem Schlaf aller Beteiligten führte.
Donnerstag hatte ich frei genommen, um mir Bordeaux von Nahem und insbesondere den H&M von ganz Nahem anzusehen. Wirklich eine schöne Stadt, auch im Regen! 10 Stunden später,200 Euro ärmer aber dafür überglücklich über meine Einkäufe, kam ich dann völlig erschöpft zum Schloss zurück.
Was ich noch alles in St.Emilion und Umgebung erlebt habe, in Kurzfassung:
- Ich habe einen Stierkampf (soft version - keine Toten) gesehen. Kann mich immer noch nicht entscheiden, ob ich es faszinierend oder abstoßend fand.
- Ich habe das erste Mal selbst Party-Fahrer gespielt und weiß jetzt diese aufopferungsvolle Aufgabe um einiges mehr zu schätzen. Danke Stefan, Thomas, Sophie, Maria und wer mich noch so alles schon mal nach Hause gefahren hat! Um meine Langeweile zu verhindern, zwang mich Léa, mit Antoine (17) zu reden. Sie hätte keinen unkommunikativeren Menschen aussuchen können. Der arme Junge hat vermutlich in seinem Leben noch nie so viel geredet wie an diesem Abend. Ich kenne jetzt zwar seine gesamte Lebensgeschichte, doch Freunde sind wir trotzdem nicht geworden. Nachdem Antoine (endlich) gegangen war, suchte ich mir meinen nächsten Gesprächspartner selbst aus und meine Wahl fiel auf Hugo, 24, der um einiges gesprächiger und sogar durchaus charmant war. Leider mussten wir die Party schon um halb 2 verlassen, sodass Hugo mir nicht sehr viel mehr erzählen konnte, als dass Chinesen seltsame Essgewohnheiten haben und er nicht gerne tanzt.
In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen, was dazu führte, dass ich die Rückfahrt völlig übermüdet antreten musste, im Dunkeln (wegen Zeitumstellung und Pferd-Verlade-Stress), im Stau und alleine im Clio. Doch trotz dieser Umstände und obwohl ich Francois im Stau zweimal verloren habe, kam ich unbeschadet, aber total erledigt an.
An Halloween hatten wir volles Haus und ich organisierte eine kleine Party für die Mädels, inklusive Fotoshooting, Spinnennetz-Deko im Kinderzimmer, Ekel-Abendessen und Disco. Léa, ihre Freundin Geneviève, die kleinen und ich tanzten wild bis 10 Uhr abends, Flore übertrieb ein wenig und stieß sich die Nase am Boden, ich spielte Krankenschwester, aber ansonsten war es ein durchaus gelungener Abend.
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